Welche Kamera passt zu mir?

Sehr häufig werde ich gefragt, welche Fotokamera ich empfehlen kann. Natürlich gibt es darauf keine einfache Antwort, denn diese hängt von den eigenen Wünschen, Ansprüchen und dem Geldbeutel ab. Aber es gibt ein paar Regeln, welche die Auswahl der Kameras enorm erleichtern, die Auswahl einschränken und eine Entscheidungshilfe für den Kauf der neuen Kamera sind.

Bei der Auswahl der Kamera sind folgende Punkte enorm wichtig: Funktionen, Flexibilität, Sensorgröße und Objektiv. Andere Kriterien treten hinter diesen Punkten in der Bedeutung zurück, da diese Details nur hilfreich sind, wenn die genannten ersten vier Punkte wirklich passen.

Wer keine speziellen Ansprüche an seine Kamera und die resultierenden Fotos hat und sich auch nicht mit dem Thema weiter beschäftigen möchte, hat es am einfachsten: einfach aus den rund 2000 verfügbaren Kompaktkameras bis 200 € diejenige aussuchen, die einem am besten gefällt. Wer in diesem Bereich mehr ausgibt, erhält meist mehr Funktionen und mit etwas Glück auch ein bisschen mehr Bildqualität. Kurztipps: möglichst nicht mehr als 10 Megapixel (der Rest ist nur hochauflösendes Rauschen) und nicht unbedingt das flachste Modell. Die bauartbedingten Kompromisse reduzieren ohnehin schlechte Bildqualität weiter. Wer sich jetzt nicht entscheiden kann, nimmt die Canon IXUS 300 HS (Test auf dpreview.com) und liegt mit ca. 270 € schon über dem Preislimit.

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Wer Anspruch an die Bildqualität hat oder nicht mehr nur Knipsen möchte, benötigt zwingend eine Kamera, die auch manuelle Einstellungen ermöglicht. Die klassischen Oma-Programme (mit diesem Begriff lästern die Profi-Fotografen über die Automatikprogramme mit eingebauter Lächelautomatik und Motivfinder – trotz allem sind sie oft sehr hilfreich) reichen nicht aus. Deshalb fällt die Wahl auf eine anspruchsvolle Kompaktkamera. Diese ist noch so klein, das man sie immer bei sich tragen kann. Sie hat alle gängigen Automatikfunktionen und zusätzlich können alle Details von Hand kontrolliert und eingestellt werden. Eine gute Wahl ist hier die neue Canon PowerShot S95 (Test vom Vorgänger S90 auf dpreview.com). Mit dem riesigen 1/1.7″ CCD Sensor, den 10 Megapixel und einem ordentlichen Objektiv mit Blende f2 sowie 28mm Weitwinkel liefert sie im Vergleich zu den kleineren Kompakten eine deutlich bessere Bildqualität. Der Unterschied ist so groß, dass ihn auch ein Laie bei einem 10×15 Abzug sofort erkennt. Ab dieser Klasse macht fotografieren wirklich Spaß.

Die nächstbeste Kameraklasse beschreibt die Canon PowerShot G12. Mit dem gleichen Sensor der S95 verfügt sie über sehr gute Bildqualität. Im Vergleich zur kleineren Schwester kommen hauptsächlich der bessere Bildstabilisator, das 5fach Zoom (28-140mm) und ein robusteres Gehäuse hinzu. Diese Vorteile erkauft man sich mit dem fast doppelten Gewicht der S95. Wirklich lohnt die G12 im Vergleich zur S95 eigentlich nur, wenn man den externen Blitzanschluss nutzt. Gerade auf Partys möchte ich nicht immer meine Canon 1D mitschleppen und nehme lieber die Canon PowerShot G11 mit dem Blitz 580EX. Diese fällt weniger auf, ist halb so schwer und macht trotzdem hervorragende Bilder.

Wer jetzt sagt: „für fast 500 € bekomme ich schon eine kleine System- oder sogar Spiegelreflex (SLR)-Kamera mit Wechselobjektiv“ (Beispiel Sony DSLR A290L)
hat zwar recht, übersieht aber einige weniger offensichtliche, aber bedeutende Unterschiede (Details im Artikel Suchertechnologien). Die billigeren Systemkameras (das sind meist etwas besser ausgestattete Kompaktkameras mit Wechselobjektiven) verbinden jedoch nur die Nachteile der Kompakten mit denen der SLRs. Während die guten Kompakten mit klar aufeinander abgestimmte Komponenten einen genau begrenzten Einsatzzweck haben, versuchen die kleinsten Systemkameras eine Flexibilität vorzutäuschen, die sie nicht in der erwarteten Qualität liefern können. Diese Kameras besitzen einen elektronischen Livesucher und das Systemprinzip wird EVIL – „Electronical Viewfinder Interchangeable Lenses“ genannt. Die mitgelieferten Kit-Objektive sind meist nur für einen Zweck gut: sie baldmöglichst auszutauschen. Selbst das preiswerteste gute Objektiv kostet mehr als Kamera+Kit-Objektiv zusammen. Die kleinen Systemkameras haben zwar einen größeren Sensor (meist APS-C), erreichen aber nicht annähernd die Qualität der erwachsenen Kameras.

Doch zwei Punkte wiegen noch schwerer: der fehlende optische Sucher und der gute Autofokus. Beides sind systembedingte Hauptvorteile des Spiegelreflex-Systems. Die elektronischen Sucher sind aktuell noch nicht soweit, dass sie ernsthaft einen optischen Sucher ersetzen könnten. Das kann sich die nächsten Jahre ändern.

Beim Autofokus wird prinzipbedingt auf den billigen Kontrastautofokus zurückgegriffen. Dieser arbeitet relativ langsam und benötigt viel Licht. Bei der dauerhaften Benutzung für das Livebild und den Autofokus erwärmt sich zusätzlich der Sensor, was das Rauschen weiter verstärkt. Die Spiegelreflex-Systeme haben einen dedizierten Phasenvergleichs-Autofokus, welcher deutlich schneller ist und auch bei schlechten Lichtverhältnissen arbeitet.

Sony hat mit der Alpha 33 und Alpha 55 (Artikel zum Funktionsprinzip) versucht, die Vorteile beider Kameratypen ein Stück weit zu vereinen: Diese beiden Kameramodelle verwenden einen teildurchlässigen Spiegel, um den Einbau eines Phasenvergleichs-Autofokus zu ermöglichen. Als Marketingbegriff wurde dafür SLT –„ single lens translucent“ eingeführt. Auf Kosten der Lichtstärke wird das Autofokusproblem entschärft. Die Abgrenzung zur Spiegelreflex-Kamera bleibt aber aufgrund des fehlenden optischen Suchers erhalten.

Deshalb mein Rat: Wer in die ambitionierte Fotografie einsteigen möchte, sollte beim Kamera-Kauf eine gewisse Mindesthürde überspringen und hat dafür dann richtig Spaß mit seinem Equipment. Umkehrt ist mehr auch nicht unbedingt nötig, denn alles Teurere in diesem Bereich hilft nur noch in den 5% der Spezialfälle (Sport, Konzerte und vergleichbare Situationen) oder bei den letzen Quäntchen der Bildqualität. Bessere Fotos macht das bessere Equipment dann nicht mehr von allein – im Gegensatz zu den besseren Kompakten im Vergleich zur Grabbeltischkamera.

Wer ernsthaft in dem Bereich der Spiegelreflex-Fotografie einsteigen möchte, kann mit einer Canon EOS 500D beginnen und durchaus Jahre damit verbringen, diese Kamera auszureizen. Ab dieser Klasse Technik ist nicht mehr die Kamera selbst der limitierende Faktor, sondern die Person hinter dem Auslöser. Da diese Kameras auch die gängigen Oma-Programme bieten, darf auch geknipst werden. Das hilft für den Einstieg und den Umstieg. Doch Spaß macht es erst, wenn man die vielen fotografischen Möglichkeiten selbst erprobt und eigene Erfahrungen sammelt.

Die meisten Spiegelreflexkameras werden mit einem oder zwei Kit-Objektiven geliefert. Selbst das bei den meisten Canon Kameras preiswert mitgelieferte Canon EF-S 18-55mm 3,5-5,6 IS (Testbericht bei slrgear.com) ist besser, als der allgemeine Ruf der Kit-Objektive vermuten lässt. Natürlich kommt es nicht an die oft 10fach teureren L-Objektive heran, aber die meisten werden mit einem solchen Objektiv glücklich werden. Ich empfehle, nur ein Kit-Objektiv zukaufen und von Bundles wie dem EF-S 18-55mm IS+ EF-S 55-250mm beim Erstkauf abzusehen. Die eigenen Ansprüche kann jeder nur mit hinreichend Erfahrung kennenlernen. Zum Sammeln dieser Erfahrungen reicht das 18-55mm. Danach wird jeder individuell entscheiden, ob und welche Objektive noch nötig und sinnvoll sind. Ein Superzoom wie das Canon EF-S 18-200mm (Test auf slrgear.com) gehört nicht in die Tasche eines ambitionierten Fotografen. Da ist selbst die Alternative Kit-Bundle EF-S 18-55mm IS+ EF-S 55-250mm besser und billiger. In einem eigenen Artikel werde ich dazu noch ein paar Tipps geben.

Noch ein paar Worte zum Nachfolger der 500D, der Canon EOS 550D (Vergleich der Spezifikation bei dpreview.com). Ob es sich lohnt, den Aufpreis von rund 150 € hinzulegen, sollte sich jeder gut überlegen. Der Unterschied zwischen beiden Kameras liebt hauptsächlich im Video-Bereich und bei ISO-Zahlen ab 1600 im verbesserten Rauschverhalten (Vergleich in Beispielfotos). Nicht umsonst bietet Canon beide Kameras parallel an. Bei der 550D kauft man hauptsächlich das Gefühl, das aktuelle Model zu besitzen. Das Geld ist auf dem Konto oder in einem Objektiv besser aufgehoben. Während sich die Kameratechnik aller paar Monate ändert, ist ein gutes Objektiv ein bleibender Wert und eine Wertanlage, die auch bei dem nächsten Kameramodell noch einen Vorteil bringt. Aus diesem Grund ist es überlegenswert, das Gehäuse auf dem Gebrauchtmarkt zu erwerben. Die ‚alten‘ Gehäuse werden nach kurzer Zeit so preiswert, dass fast nichts schief gehen kann. Wer sich Sorgen um die Investitionssicherheit macht, kauft ein gebrauchtes Gehäuse etwas teuerer beim lokalen Händler und hat dafür mindestens 12 Monate Gewährleistung und einen Ansprechpartner, mit dem man sich auch persönlich unterhalten kann. Bei Problemfällen ist das oft ein großer Vorteil für beide Seiten.

Jede der genannten Kameras benötigt eine Speicherkarte. Die kurze Empfehlung lautet: jede Speicherkarte eines bekannten Markenherstellers mit mindestens 15 MB/Sekunde ist hervorragend geeignet. Unter 8 GB Größe lohnt sich nicht mehr, sie zu kaufen. Beispiele sind SanDisk SDHC Ultra 8GB SD für ca. 17 € und die doppelt so große 16 GB Version für rund den doppelten Preis. Aus Sicherheitsgründen habe ich immer mindestens zwei Karten einstecken. Ein deutlicher Aufpreis für eine schnellere Karte wie die SanDisk SDHC Extreme 8 GB lohnt nur bei der großen Spiegelreflexkamera, da hier ausreichende Datenmengen (bis 15 MB/Foto) in entsprechender Geschwindigkeit anfallen (3,7 Bilder/Sekunde). Bei allen anderen Kameras reicht der kamerainterne Puffer fast immer aus. Details in meinem älteren Artikel „Empfehlung SD-Speicherkarte für Digitalkameras“

Hinweis: Alle Links auf Kameras in diesem Artikel sind Amazon Affiliate Links. Während der Käufer den gleichen Preis bezahlt, erhalte ich eine kleine Provision. Dass ich hier nur Canon-Kameras empfehlen werde, liegt an dem kompletten Sortiment, welches kaum ein anderer Anbieter vorweisen kann. Zusätzlich besitze ich nur bei Canon ausreichend eigene Erfahrungen, um Empfehlungen geben zu können. Wer vergleichbare Kameras von anderen Herstellern kennt, kann diese gern in den Kommentaren ergänzen.

Linktipps: must-have: Kamera bei Licht(in)former

Der Artikel wurde am 3.11.2010 nach Hinweis in den Kommentaren in einigen Absätzen komplett überarbeitet.


2 Kommentare zu „Welche Kamera passt zu mir?“

  1. Hallo Markus,

    Ich finde die Idee und die Umsetzung des Artikels wirklich klasse. Leider gibt es einige Fehler & Schwächen im Detail.

    Den Begriff „Oma-Programme“ solltest Du erklären. Er ist nicht allgemein gebräuchlich und nicht jeder kann sich etwas darunter vorstellen.

    Bei den Speicherkarten fände ich es sinnvoll, auch etwas über Compact Flash zu schreiben. Sämtliche älteren und vor allem bei Canon auch alle aktuellen (höherwertigen) DSLRs nutzen diesen Typ.

    Und 2 grobe Fehler:

    Beim Händler bekommt man beim Gebrauchtkauf i.d.R. keine Garantie.
    Eine Garantie ist eine freiwillige Leistung, über deren Dauer und Umfang der jeweilige Garantiegeber (meist der HERSTELLER) selbst entscheiden kann.
    Nach EU-Recht muss ein gewerblicher Verkäufer auf gebrauchte Waren aber eine 2jährige GEWÄHRLEISTUNG gewähren. Diese kann er aber auch auf 1 Jahr kürzen (was in der Praxis zu fast 100% auch so gehandhabt wird).

    Im Abschnitt neben der Sony-Kamera wirfst Du „kleine SLRs“ und EVIL (Electronical Viewfinder Interchangeable Lenses)-Kameras durcheinander. Eine „kleine DSLR“ wäre auch die 500D. Jede SLR hat aber bauartbedingt einen optischen Sucher! Du meinst also „EVIL“-Kameras.
    Welche Kompaktkamera wechselbare Objektive hat, würde mich auch interessieren. Ich kenne nur EVIL, DSLR und ein paar wenige Messsucherkameras mit Wechselobjektiven. Die Klasse der Kompaktkamera macht ja u.a. aus, dass sie KEINE Wechselobjektive haben…

    Wenn Du die genannten Punkte überarbeitest, finde ich Deinen Artikel aber rumdum gelungen. :-)

    Schönen Gruß

    Michael Gelfert

  2. Hallo Michael,
    deine Kritik am Artikel ist berechtigt. Ich habe den Artikel an den entsprechenden Stellen komplett überarbeitet.

    Im Ursprungsartikel hatte ich mich auf die neuen Sony-Kameras mit feststehenden Spiegel (was nichts mit den alten EOS 1 RS u.ä. zu tun hat) bezogen, allerdings ohne sie ausreichend zu erklären oder zu erwähnen. Das Funktionsprinzip habe ich der Vollständigkeit wegen jetzt mit erklärt. Schon allein wegen dem Preis der deutlich über dem Canon 500D Kit liegt ist die Kamera kaum interessant.
    Markus

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