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283 Fotos, 4min 15 sec, 1 Lied und ein bisschen Nena

Wir waren wieder Pressevieh, die rund 10 Fotojournalisten und 15 Kamerastatisten, die für rund 4 Minuten im Fotograben NENA in Jena abschießen durften. Für mich war es 283mal der Versuch, eine wild über die Bühne gallopierende 50jährige Sängerin aus dämonischer Position nicht nur direkt in die Nasenlöcher zu fotografieren. Trotz einer Klickrate von 1,1 Fotos pro Sekunde ist das nicht immer geglückt.

Kurz vor Konzertbeginn wurde der Fotograben von der Security geräumt – Anweisung des Managements meinte der Chef der Security und liess dabei durchblicken, dass er von diesem Unfug auch nichts hält. Wenige Minuten später kam Nena auf die Bühne gesprungen. Nun hieß es für jeden, die 15kg Ausrüstung unversehrt durch die drängelnde Fotografenmasse zu quählen und nebenbei schon ein Eindruck vom Licht zu erhaschen. Die Kunst ist jetzt, die wenigen verbleibenden Augenblicke für ein halbwegs brauchbares Bild zu nutzen, denn wie lange das erste Lied dauert, weiß niemand. Was sonst auf der Bühne passiert auch nicht. Um die Herausforderung zu steigern machen die Lichttechniker das Showlicht erst an, wenn die Fotografen verschwunden sind. Zuerst mit dem Weitwinkel ein paar Übersichtsaufnahmen machen und vielleicht noch einen Gesamteindruck der Bühne vermitteln (wenn man direkt vor der ca. 1.60m hohen Bühne steht ist das fast unmöglich). Es bleibt nur Zeit für einen Objektivwechsel. Die letzten Fotos werden deshalb mit dem Teleobjektiv gemacht, das Canon 200/2.0L IS ist ideal dafür. Nena steht fast die ganze Zeit an der vorderen Bühnenkante und ich fast direkt unter ihr. Ein Foto aus dieser Position ist alleinfalls zur Abschreckung zu gebrauchen. Die einzige Lösung: Möglichst weit weg von der Bühne an die Fansperre drängeln und etwas seitlicher fotografieren. Wer allerdings seine Kamera nicht absolut sicher beherrscht hat in vier Minuten Konzert keine Chance auf ein gutes Foto.

Vorbei. Aus für heute. Die Security treibt uns aus dem Graben, wir müssen gehen. Die Kamera schreibt noch die letzten 20 Fotos aus dem internen Speicher in die Compact Flash Karte. Nun noch schnell unter die Fans gemischt, um wenigstens eine Totale zu schießen.

Die erwartete Ernüchterung kommt beim Sichten der Fotos: gerade einmal 20 Fotos sind gut genug, nicht sofort wegzufliegen. Wie die Verlage ihre üblichen Klickstrecken so füllen können bleibt offen. Was übrig bleibt, steht hier im Blog und reicht von der Qualität gerade so, das ich micht so sehr schähme und gleich alle Fotos lösche. Es bleibt dabei: in 4 Minuten kann kein Fotograf der Welt ein Konzert in vernünftiger Qualität dokumentieren. Jeder Konzertbesucher darf mehr: Er kann das Konzert über fotografieren und sich dabei an den viel besseren Positionen hinter dem Fotograben bewegen.

Es bleibt die Frage, was Künstler und Managment mit der künstlichen Beschränkung der Pressefreiheit erreichen wollen. Meistens ist wenigstens das Fotografieren in den ersten drei Liedern erlaubt. Das gibt eine halbwegs realistische Chance, ein gutes Foto veröffentlichen zu können. Eigentlich sollte es im Interesse der Künstler sein, gute Fotos in den Zeitungen und Zeitschriften zu sehen. Aber die schicken lieber ein vorausgewähltes PR-Foto und wollen die Imagebildung komplett überwachen.

Doch es gibt auch gutes zu berichten: Die Akkreditierung mit Presseausweis war unkompliziert und erfolgte ohne weitere Nachfragen oder spezieller Vorgaben wie Vorberichterstattung. Allerdings haben auch wieder Kollegen mit Kameras in der Größe meines Smartphones den Graben verstopft. Es sind bestimmt schreibende Kollegen, sie können dann in der Bildunterschrift unterbringen, was auf dem Foto zu sehen sein sollte. Oder es waren die fotografierenden Kollegen vom Radio. JenaTV hingegen hat keine Akkreditierung erhalten und könnte so höchstens mit Schwarzbild oder Archivmaterial vom Konzert berichten, hat es dann aber konsequenterweise gleich gelassen.

Zum Konzert selbst gibt es nicht viel zu berichten (die Textbaustein-Lobeshymnen gibt es zum Beispiel hier). Es war Nena und es war so, wie man sich Nena im Konzert vorstellt. Der Ernst-Abbe-Platz war nur halbvoll, was bei einem Kartenpreis von 49 € zzgl. VVK (zum Vergleich: ähnlich viel kostet die 6er Karte in der Kulturarena) nicht verwundert. In der Zeitung waren es 4000 Zuschauer, der Veranstalter berichtete von rund 3000 Zuschauern und es werden wohl um die 2500 Leute da gewesen sein.

Wie es auch anders geht war eine Stunde vor Nena zu erleben: Das musikalische Projekt „Zöllner & Söhne“ war das Musikalische Highlight des Abends. Und ich konnte das ganze Konzert ohne Einschränkungen fotografieren.

Update vom 29.06.2010: Offensichtlich hat sich Nena eines besseren besonnen und die Regeln gelockert: Es dürfen jetzt die ersten drei Lieder fotografiert werden, so berichtet rockpixx.com. Fotos aus Kiel „Unser Norden-Bühne“ hier (Artikel zu den Fotos).

Mehr zum Thema auch in DER TAGESSPIEGEL: Nach drei Liedern ist Schluss – Abgeblitzt

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7 thoughts on “283 Fotos, 4min 15 sec, 1 Lied und ein bisschen Nena”

  1. wow, echt ein ganzes Lied? 😉

    | Die Akkreditierung mit Presseausweis war unkompliziert

    das wundert mich ja dann doch, idR ist ein Presseausweis bei der Konzertfotoakkreditierung nicht noetig, dafuer aber immer oefter ein Auftrag eines *Print*mediums, online reicht oft nicht 🙁

  2. Hi c-v,
    jo, es war ein ganzes Lied! Demnächst sind es nur noch die ersten 8 Takte….

    Oft wird bei Akkreditierungen eine Presseausweis verlangt, um den Kreis der Leute von vornherein einzuschränken. Zusätzlich kommen dann noch die lustigen Einschränkungen wie Vorberichterstattung in den Printmedien (… und das muss man als freier Fotograf ersteinmal schaffen). Online? Das gibt es für viele nicht. Aber Fotografen fürs Radio, das ist kein Problem.

  3. Moin,

    also… das mit „den ersten drei Liedern“ bezog sich auf die Fans – die dürfen das jetzt. Uns Equipmentschleppern bleibt wohl immer nur noch der erste Song.
    Aber mit einer geeigneten Kamera sind die 4 Minuten in Kiel schon zu bewältigen gewesen – meine alte(n) hätten mich allerdings mit ihrer „busy“-Anzeige schon in den Wahnsinn getrieben…

  4. Hi, da habe ich mich also ein wenig zu früh gefreut….
    Bei mir war es aber auch knapp mit dem speichern: ein paar Sekunden musste ich mal aussetzen, trotz ca. 20 Fotos im RAM in der Kamera und schneller SanDisk-Karten. Aber das war kein wirkliches Problem.

  5. Hallo Markus,

    danke für den wirklich guten Beitrag. Ich teile Deine Meinung zum Thema der so künstlich verknappten Zeit, vernünftige Bilder machen zu dürfen. Dass es anders geht, haben wir zwei ja – auch recht ungestört von Kollegen 🙂 – bei Zöllner & Söhne erlebt. Dies zeigt sich auch daran, dass ich viel mehr verwertbare Bilder von dieser Gruppe habe, als von dem Nena-Auftritt. Auch hat mir persönlich die Musik deutlich besser gefallen, wie die von Nena. Aber dies ist letztendlich Geschmackssache…

    Was Deine Kritik an den „Textbaustein-Lobeshymnen“ betrifft kann ich Dir einerseits zustimmen möchte aber anderseits auch widersprechen. Zustimmung in dem Sinne, dass der Text unseres Artikel sicherlich kein hochgradiges journalistisches Meisterstück ist. Diesen Anspruch hatten wir jedoch auch nicht. Widerspruch in dem Sinne, dass ich – wenngleich es nicht die Musikrichtung ist, welche mich anspricht – dennoch vom dem Abend überrascht war. Zum Einen habe ich doch Respekt, dass Nena eine doch recht gute Karriere bereits vorweisen kann, mit 50 keineswegs nach diesem Alter aussieht und auch, dass an diesem Abend mehr Gäste anwesend waren, wie ich es erwartet hatte. Ob es nun 2500, 300 oder 4000 waren wird wohl letztendlich von uns nicht geklärt werden können. Auch aus diesem Grunde haben wir keine nummerische Angabe bei den Zuschauerzahlen angegeben. In vereinzelten Gesprächen an diesem Abend mit einigen Fans, wurde von diesem auch vom bis dahin gelaufenen Konzert geschwärmt. Offenbar scheint es nicht ganz so lang gelaufen zu sein, wie wohl ursprünglich geplant, was sowohl der Kommentar zu unserem Artikel, wie auch einzelne Gespräche mit Besuchern ein paar Tage nach dem Konzert bestätigen. Dies jedoch wissen wir beide nicht genau, da ich wie auch Du ja bereits vor Ende des Konzertes den Platz verlassen hatten.

    Dennoch nehme ich Deine Kritik ernst (bedanke mich auch ausdrücklich dafür) und werde mich beim nächsten mal darin versuchen, Dir auch hier gerecht zu werden. 😉 Für konkrete Verbesserungsvorschläge haben wir auch immer ein offenes Ohr.

    Zum Abschluss noch eine Bitte: beim Link auf unseren „Textbaustein“-Artikel hat sich vor das http noch ein r eingeschlichen, was den Link jedoch nicht brauchbar macht… Bist Du so nett, und änderst dies ab? Es soll sich ja jeder sein eigenes Bild von dem Artikel machen dürfen. Danke!

    Beste Grüsse

    Steve

  6. Hallo Steve,

    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

    Ja, Musik ist Geschmackssache und das ist gut gut so. Deshalb kannst und solltest Du in einem Konzertbericht auch nie versuchen den anderen gerecht werden , sondern dir selbst. Das ist ehrlich und wird auch gelesen.

    Den Link habe ich korrigiert, vielen Dank für den Hinweis.

    Markus

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